Vor dem Unterricht gibt es ein kostenloses Frühstück
Frankfurt – Das kennt jeder: Morgens etwas zu knapp aus dem Bett gehievt, schnell ohne Frühstück auf den Weg gemacht, dann keine Zeit, etwas zu essen, mit leerem Magen gearbeitet und dann über Stunden die erste Mahlzeit des Tages herbeigesehnt. So fällt es schwer, sich zu konzentrieren, freundlich und geduldig zu bleiben. Kann mal vorkommen, sollte aber nicht an der Tagesordnung sein. Für viele Schüler ist das aber Alltag. Aus unterschiedlichsten Gründen knurrt ihnen der Magen. Sei es, dass die Eltern sich nicht kümmern, kein Frühstück zubereiten oder mitgeben, die Schüler zu spät aufstehen oder es tatsächlich eine Frage des Geldes ist: Jedes vierte Kind in Frankfurt ist von Armut bedroht.
Sebastian Just, seit 13 Jahren Schulsozialarbeiter an der Ernst-Reuter-Schule II in der Nordweststadt ist schon 2023 aufgefallen, dass die Situation sich verschärft: „Die wenigsten haben eine gut gefüllte Brotbox dabei“, sagt er. Als Frühstück dienen eher Chips und Energiedrink. Und viele haben auch einfach nichts – und bekommen dann auch nichts, bis die Schule aus ist, oft erst nach 15 Uhr.
Jugendhilfe gibt es an der Ernst-Reuter-Schule II schon seit 49 Jahren – getragen von der Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Frankfurt. Es war die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland: zwei Räume, die als Anlaufstelle dienen, in denen das soziale Lernen der Schülerinnen und Schüler gefördert wird, mit Mitarbeitern, die für Gespräche zur Verfügung stehen und intervenieren können, Raum für Hausaufgaben, freizeitpädagogische Arbeit und mehr. Aber nichts zu essen. „Das führt auch zu Konflikten“, so Juist. Er habe überlegt, wie man die Mädchen und Jungen der Stufen 5 bis 10 ein möglichst gut über den Tag sättigen könne, und kam aufs Müsli.
Vor zwei Jahren dann der Start für die Müsli-Bar unter dem Titel „Mein Müsli macht Schule“ in den Räumen der Schulsozialarbeit. Anfangs kamen 25 Mädchen und Jungen, heute sind es bis zu 80, die sich in der ersten großen Pause ein Müsli schmecken lassen. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Rashida kauft einmal pro Woche die Zutaten ein und bereitet alles vor: Müslischüsseln, Löffel, Bio-Milch und Hafermilch, Haferflocken, Toppings und frisches, geschnittenes Obst der Saison. Das benutzte Geschirr packt sie direkt in die Spülmaschine, damit es am nächsten Morgen wieder bereitsteht.
Das Treffen an der Müsli-Bar dient noch viel mehr, als nur dem Zweck, den Hunger zu stillen: „Essen ist ein Verbindungsmittel, bietet einen guten Rahmen, für Kommunikation“, so Juist. Da komme man ins Gespräch. Da kämen auch Schüler zur Müsli-Bar, die er normalerweise nicht in den Räumen der Jugendhilfe sehe und würden sie so für sich entdecken: eine handyfreie Zone, in der es Spiele wie Uno und „Mensch ärgere Dich nicht“ gibt und Ansprechpartner der Schulsozialarbeit, die einem zuhören, die einen ernstnehmen, denen man vertrauen kann, die Ratschläge haben und darüber hinaus auch noch gemeinsame Unternehmungen organisieren, an denen man teilnehmen kann. Die Schüler lernten außerdem nebenbei ein Bewusstsein für gute Lebensmittel. Und sie erleben das Frühstück am Morgen als verlässlichen Ankerpunkt im Tagesanlauf. Es hat fast schon ein bisschen was von Familie, wenn alle zusammensitzen und Müsli löffeln. Ein Ereignis am Tag, auf das man sich freut und das den Rest des Tages etwas leichter macht. Im Jahr 2024 ist „Mein Müsli macht Schule“ für den Nachbarschaftspreis der Stadt Frankfurt nominiert worden.
Für Dirk Barth von der Awo ist das „ein Herzensprojekt“. Deshalb kümmert er sich darum, die Müsli-Bar dauerhaft finanziell zu sichern und wirbt um Spenden für das Projekt. 4000 Euro hat nun die Stiftung Leberecht unserer Zeitung gespendet, die sich seit mehr als 75 Jahren für behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche und ihre Eltern stark macht.
„Je mehr Spenden wir haben, desto besser können wir natürlich auch einkaufen“, betont Barth. So wie die Jugendhilfe vor 49 Jahren Vorbild für viele Folgereinrichtungen im Land war, so könne auch von „Mein Müsli macht Schule“ eine Erfolgsgeschichte ausgehen. „Nachahmer sind willkommen“, so Barth – Nachahmer der Müsli-Bar und Nachahmer als Spender natürlich auch. Denn egal wo: „Leerer Bauch studiert nicht gern.“MICHELLE SPILLNER
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